Verlaufszitationen: Zusammenhänge im Gesamtwerk erkennen
Die Besonderheit der Argumentation im Werkganzen bei Kant besteht darin, dass einzelne Theoreme nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln verhandelt werden, sondern dass sie über eine viel größere Distanz in verschiedenen Texten traktiert, immer wieder vorläufigen Klärungen zugeführt und jeweils erst am Schluss eines solchen Bogens abschließend behandelt werden. Der Abschluss, teils auch: die Zwischenklärungen, beinhalten in der Regel präzisere Begriffsbestimmungen oder Begriffseinteilungen.
Die Themenlinien ziehen sich in unterschiedlicher Länge durch das Gesamtwerk; sie sind aber anhand ihrer zentralen Begriffe gut zu identifizieren. Ihre Erörterung kann auch durchaus unerwartet in Texten stattfinden, denen man auf den ersten Blick gar keinen Bezug zum jeweiligen Themenkreis zuordnen würde. M. E. ist es daher viel zu kurz gegriffen, wenn man bestimmte Schriften Kants aufgrund ihres Titels oder aufgrund der philosophischen Themen, die darin vorwiegend behandelt werden, nur einem einzigen Bereich (z. B. „Erkenntnistheorie“ oder „Anthropologie“ oder „Naturwissenschaft“) zuweist und im Zusammenhang der Untersuchung anders gelagerter philosophischer Themenkreise diese vorschnell aussortierten Texte gar nicht mehr in den Blick nimmt.
Adäquater und zweckmäßiger ist es, wenn man mittels einer Suche nach zentralen Begriffen die ganze Themenlinie ausfindig macht und sie Schritt für Schritt gewissermaßen nachgeht.
Dabei stellt man fest, dass Kants Erörterungen in Abhängigkeit von dem jeweiligen Kontext in der entsprechenden Schrift zu rezipieren und auszulesen sind; und dieser Kontext ist mitunter von hochgradiger Komplexität und muss selbst erst einmal hinreichend durchdrungen werden.
Einige solcher Themenlinien habe ich exemplarisch herausgegriffen und Passagen, die zusammengenommen eine solche Gedankenführung ausmachen, gemäß ihrer Chronologie zitiert. Ich habe das „Verlaufszitation“ genannt, und hier und da auch Hinweise gegeben, wie ich bestimmte Stellen lesen oder hinsichtlich ihres rhetorischen Status einordnen würde.
Die ausgewählten Themen sind:
- Skeptisches Philosophieren
- Das Ding an sich
- Veränderung und Kausalität
- Krieg
- Die Gleichheit von Mann und Frau